Warum Pferde den größten Teil ihres Tages mit Fressen verbringen

…und weshalb eine kontinuierliche Nahrungsaufnahme für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden so wichtig ist

Wer Pferde auf einer Weide beobachtet, stellt schnell fest: Sie fressen. Und das erstaunlich lange. In freier Natur verbringen Pferde je nach Futterangebot tatsächlich bis zu 16 Stunden am Tag mit der Futtersuche und Nahrungsaufnahme. Für uns Menschen mag das eintönig erscheinen, für das Pferd ist es jedoch völlig normal und ein wichtiger Bestandteil seiner Gesundheit.

Doch warum ist das so? Welche Folgen kann es haben, wenn Pferde über längere Zeit nichts zu fressen haben?

Die Evolution bestimmt das Fressverhalten

Die Vorfahren unserer heutigen Pferde lebten in offenen Graslandschaften. Dort gab es keine großen, energiereichen Mahlzeiten, sondern überwiegend nährstoffarmes Gras, welches über viele Stunden hinweg aufgenommen werden musste.

Im Laufe der Evolution entwickelte sich deshalb ein Verdauungssystem, das nicht auf wenige große Mahlzeiten ausgelegt ist, sondern auf eine möglichst kontinuierliche Futteraufnahme.

Auch heute trägt jedes Pferd diese biologischen Voraussetzungen in sich und zwar unabhängig davon, ob es auf einer Weide lebt oder im Stall gehalten wird.

Ein kleiner Magen mit großen Aufgaben

Es überrascht viele, dass der Magen eines ausgewachsenen Pferdes vergleichsweise klein ist. Er fasst nur etwa 8 bis 15 Liter und macht damit nur einen kleinen Teil des gesamten Verdauungstraktes aus. Deshalb können Pferde nicht, wie beispielsweise Wiederkäuer, große Futtermengen auf einmal aufnehmen. Stattdessen ist ihr Verdauungssystem darauf ausgelegt, ständig kleinere Mengen zu verarbeiten.

Eine Besonderheit des Pferdes ist, dass der Magen kontinuierlich Magensäure produziert, unabhängig davon, ob gerade gefressen wird oder nicht.

Beim Kauen entsteht Speichel, der einen Teil dieser Säure neutralisiert. Bleibt das Futter jedoch über längere Zeit aus, fehlt dieser natürliche Schutz. Die Magensäure kann die empfindliche Magenschleimhaut angreifen und das Risiko für Magengeschwüre erhöhen.

Deshalb zählen lange Fresspausen, von 3 bis 4 Stunden oder länger, heute zu den Faktoren, welche die Magengesundheit beeinträchtigen können.

Heu ist weit mehr als nur Futter

Heu liefert nicht nur Nährstoffe: Das ausgiebige Kauen beschäftigt das Pferd über viele Stunden und fördert so die Speichelbildung.

Gleichzeitig unterstützt rohfaserreiches Futter eine gesunde Darmfunktion. Für die Milliarden von Mikroorganismen im Dickdarm ist es wichtig, regelmäßig mit ausreichend strukturreicher Nahrung versorgt zu werden.

Gerade deshalb bildet hochwertiges Raufutter die Grundlage einer ausgewogenen Ernährung der meisten Pferden.

Fressen bedeutet auch Beschäftigung

Für Pferde ist Fressen nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern ein natürlicher Teil ihres Tagesablaufs.

Werden Pferde in kurzer Zeit mit Kraftfutter versorgt und verbringen anschließend viele Stunden ohne Beschäftigung, fehlen ihnen wichtige natürliche Verhaltensweisen. Das kann zu Langeweile, Frustration oder zu unerwünschten Verhaltensweisen wie Koppen oder Weben führen.

Heunetze, mehrere Futterstellen oder eine möglichst lange Raufutteraufnahme können dabei helfen, das natürliche Fressverhalten besser zu unterstützen.

Jedes Pferd ist individuell

Wie viel Futter ein Pferd benötigt, hängt unter anderem von Alter, Rasse, Gesundheitszustand, Haltungsform und Arbeitsleistung ab. Deshalb gibt es keine allgemeingültige Fütterungsempfehlung, die für alle Tiere gleichermaßen passt.

Dennoch bleibt ein Grundprinzip bestehen: Das Verdauungssystem des Pferdes ist auf eine möglichst regelmäßige und kontinuierliche Aufnahme von rohfaserreichem Futter ausgelegt.

Dass Pferde einen großen Teil ihres Tages mit Fressen verbringen, ist also keine Angewohnheit, sondern das Ergebnis einer Millionen Jahre langen Entwicklung. Eine regelmäßige Aufnahme von Raufutter unterstützt nicht nur die Verdauung, sondern auch die Magengesundheit, die Darmfunktion und das natürliche Verhalten des Pferdes. Wer dieses Wissen bei Haltung und Fütterung berücksichtigt, schafft eine wichtige Grundlage für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere. Denn für ein Pferd bedeutet Fressen weit mehr, als nur den Hunger zu stillen: Es gehört zu seiner Natur.

Weil jedes Tier einen würdevollen Abschied verdient

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