Pferd und Mensch: Verschieden und doch gleich

Unsere Pferde sind treue Freunde. In vergangenen Artikeln haben wir bereits einige Unterschiede in der Verhaltensweise und Pflege aufgezeigt. Der Organismus des Pferdes unterscheidet sich jedoch in einigen Teilen sehr stark von unserem menschlichen Körper. Insbesondere der Atemapparat und der Verdauungstrakt arbeiten fast gänzlich anders als bei uns Menschen.

Die Atmung des Pferdes

Pferde sind in erster Linie sogenannte obligate Nasenatmer. Das bedeutet, dass sie ausschließlich durch die Nase atmen können und nicht, wie wir, auch durch den Mund. Das liegt daran, dass das Gaumensegel des Pferdes so am Kehlkopf anliegt, dass Mund- und Atemweg funktionell voneinander getrennt sind.

Die ausschließliche Nasenatmung führt außerdem dazu, dass Pferde ihre Nüstern zur Atmung deutlich aufblähen können, während Menschen dies nur bedingt können.

Auch bei Bewegung unterscheidet sich die Atmung erheblich: Während Menschen unabhängig vom Laufrhythmus atmen, atmet ein Pferd im Galopp im gleichen Rhythmus, in dem es läuft. Dabei entspricht ein Galoppsprung immer exakt einem Atemzyklus.

In Ruhe atmet ein Pferd etwa 10–14-mal pro Minute, während Menschen etwa 12–20-mal pro Minute atmen. Ein Pferd kann dabei je nach Körpergröße und Intensität der Belastung unter Anstrengung etwa 15.000 Liter Luft in einer Minute bewegen. Auch die Kopfhaltung, also das Strecken des Kopfes nach oben, kann die Atmung extrem beeinflussen. Dies ist zum Beispiel bei hoher Anstrengung zu beobachten. Der Mensch hingegen kann in den allermeisten Kopf- und Nackenhaltungen ähnlich atmen.

Beeindruckender Verdauungstrakt

Der Magen eines Pferdes fasst im Schnitt zwischen 8 und 12 Litern. Das ist im Verhältnis zu seiner Körpergröße relativ wenig. Bei Menschen ist diese Menge im Vergleich zu anderen Säugern zwar auch relativ gering, die Differenz ist allerdings nicht so groß.

Außerdem können sich Pferde nicht erbrechen. Ihr Magen ist durch muskuläre Strukturen so verschlossen, dass ein Rückfluss der Nahrung weitgehend unmöglich wird. Das kann vor allem dann gefährlich werden, wenn sich der Magen durch falsche Nahrung, große Futtermengen, Verstopfungen oder Kolikerkrankungen aufbläht. Während Menschen diesen Druck durch Erbrechen abbauen können, kann sich der Magen bei bestimmten Erkrankungen gefährlich überdehnen und im Extremfall sogar zu einer Magenruptur führen. Deshalb ist eine genaue Beobachtung der Futteraufnahme bei Pferden besonders wichtig.

Der Appendix als Teil des Blinddarms stellt beim Menschen keinen relevanten Mehrwert im Verdauungsprozess dar. Bei Pferden kann er allerdings bis zu 35 Liter fassen und spielt als sogenannter Gärbebehälter eine wichtige Rolle im Fermentationsprozess. Pferde sind Hinterdarmfermentierer, das heißt, die Fermentation der Nahrung findet hauptsächlich im Enddarm statt. Dieser ist für die Energiegewinnung aus der Nahrung von großer Bedeutung, während dies bei Menschen vordergründig bereits im Dünndarm geschieht.

Während Pferde durchgehend Magensäure produzieren, ist das bei Menschen vor allem bei der Nahrungsaufnahme der Fall. Beim Speichel verhält es sich genau umgekehrt: Menschen produzieren ihn durchgehend und beim Essen etwas mehr, während Pferde ihn hauptsächlich nur beim Fressen produzieren.

Unterschiede in der Anatomie

Die Zähne des Pferdes sind hochkronig, sodass sie bei Abnutzung immer weiter aus dem Kiefer geschoben werden können. Bei Menschen hilft dann oft nur noch der Zahnarzt. Allerdings zermahlen Pferde ihre Nahrung mit den Zähnen ähnlich wie wir mit Hilfe ihrer Backenzähne, wenn auch deutlich ausgiebiger.

Durch ihre außen liegenden Augen haben Pferde einen Rundumblick. Es kann beinahe 360 Grad um sich herum sehen, wobei allerdings ein kleiner toter Fleck genau hinten und vorne bleibt. Wir können zwar nicht rundum sehen, haben dafür aber in der Regel keine relevanten toten Flecken innerhalb des Blickfeldes. Ein weiterer Unterschied ist die Sicht selbst: Pferde können Farben deutlich schlechter erkennen und unterscheiden, vor allem bei Rot-Grün-Kontrasten. Dafür sehen sie bei schwachem Licht meistens besser als Menschen.

Nur etwa 15 % der Menschen können mit den Ohren wackeln. Pferde sind uns da deutlich voraus, denn sie können ihre Ohren sogar unabhängig voneinander bewegen und ausrichten, um die Quelle eines Geräusches besser zu orten.

Doch so verschieden sind wir gar nicht

Auch wenn es massive Unterschiede in der Anatomie und dem Organismus gibt, haben Pferde vor allem in ihrem Verhalten einige Gemeinsamkeiten mit uns Menschen.

Beispielsweise sind beide soziale Wesen, die nach Interaktion mit anderen suchen, Gemeinschaft suchen und stabile Beziehungen aufbauen. Außerdem sind Pferde, genauso wie wir, alle individuell: Jedes Pferd hat einen anderen Charakter, andere Interessen und andere Vorlieben. Sie kommunizieren ihre Zuneigung und Ablehnung auch durch Körpersprache.

Vor allem aber suchen sie nach Nähe und sozialen Bindungen, egal ob zu einem Menschen oder einem anderen Pferd.

Insgesamt lassen sich also Unterschiede in der Verdauung, der Atmung und der Anatomie feststellen. Diese sind teilweise grundlegend anders aufgebaut und arbeiten auf eine andere Art und Weise. Letztendlich sind wir aber doch gar nicht so verschieden, denn unser Verhalten und unsere Lebensweise weisen schließlich sehr große Überschneidungen auf.

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